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Reutlinger Stadtoper: Fünf Horden auf des Feuers Spuren

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Es war wie eine Mischung aus Völkerwanderung und Karneval in Venedig, was Susanne Hinkelbein am Freitagabend mit ihrer "Stadtoper" auslöste. Fünf Pulks von jeweils zweihundert Menschen, zusammengeschweißt durch farbige Armbändchen, zogen kreuz und quer durch die Reutlinger Innenstadt, angeführt von bizarr aufgedonnerten Gestalten mit grellen Perücken und neonbunten Reifröcken. Wer auf dem Marktplatz saß und von nichts wusste, muss nicht schlecht gestaunt haben. Genießen Sie unsere Bildergalerie und unser Video.

Ziel der ziehenden Horden waren Stationen in der Innenstadt, wo Reutlinger Schauspieler, Chöre und Instrumental-Ensembles ungewöhnliche Schlaglichter auf die Stadt warfen: skurril, mahnend oder traumartig versponnen rund um das Thema Feuer kreisend. Susanne Hinkelbein, die das Spektakel ausgetüftelt und mit Musik bestückt hat, spazierte ganz entspannt in der Gruppe mit den orangenen Armbändchen mit. 

Einen wesentlich gestressteren Eindruck machte Tonne-Intendant Enrico Urbanek: Als Regisseur trug er die Verantwortung dafür, dass das komplizierte Hin und Her sich nicht verhedderte. Das klappte auch ganz gut, abgesehen von ein paar Wartezeiten. Und abgesehen davon, dass zwischenzeitlich eine der Gruppen verlorenging und sich schließlich mit einer anderen Gruppe vereinigte. Bleibt noch Ausstatterin Ilona Lenk zu loben, deren bizarr-erotische Kostüme zum karnevalesken Charme der Sache beitrugen. Am Beginn stand aber nüchterner Turnsaal-Charme. Wegen einer Gewitterwarnung war der Start in die Kalbfellhalle verlegt worden. Dort beschworen Philharmonia-Chor und Junge Sinfonie das Feuer und die Stadt zwar mit Herzblut und reichlich Ironie. Mit Zirkusmusik und gar lieblichen Melodeien wurden da etwa Mädlesfels und Metzgergass' besungen. Aber die eigentliche Pointe, nämlich vom Dach des Parkhauses Stadtmitte aus die Stadt selbst wirken zu lassen, war futsch. Eric van der Zwaag in der Rolle des selbstverliebten Showmasters machte das Beste draus und holte den einen oder anderen Lacher, als er mit großer Geste auf Stadttore zeigte, die gar nicht zu sehen waren.

Das Malheur war schnell vergessen, denn forthin zeigte sich die Stadt unter aufgeklartem Sommerhimmel von der besten Seite. Und Hinkelbeins skurriler Humor kam noch oft genug an schöneren Orten zum Zuge. Im Spitalhof etwa, wo der Knabenchor Capella vocalis und ein Projektchor Reutlinger Männerchöre denkwürdige Feuerwehr-Einsätze besangen. Das Blockflötenensemble der Musikschule diente den Capellas bei diesen Moritaten witzigerweise als Drehorgel-Ersatz. Die Männerchor-Gemeinschaft hatte sich hingegen mit dem Handharmonika-Club verruchten Tangos verschrieben. Ganz passend, mussten doch da auch einmal erotisch zweckentfremdete Handschellen geöffnet werden.

Im oberen Foyer des Rathauses warfen sich ein Engelchen und ein Teufelchen (Caroline Betz und Folkert Dücker) von einer Balustrade zur andern Wohl und Wehe des Feuers an den Kopf. Hier die Zerstörung der Stadtbrände, dort das Feuer der Liebe - und die Sänger der Voices schunkelten mit der Stadtkapelle und dem Jugendblasorchester einen frivolen Foxtrott dazu. Grieshabers "Sturmbock" wurde auch gleich in die flammende Debatte mit einbezogen.

Vor der Müllergalerie stockte der Rundlauf, was Gruppenführer Lukas Ullrich mit einer Feuerspucker-Einlage zu überbrücken wusste. Schüler vom Isolde-Kurz-Gymnasium verkörperten rennend und rufend eine menschliche Zündschnur. Drinnen füllten tosende Akzente von Bläsern und Schlagwerkern der Musikschule den Lichthof, während knapp bekleidete Mädchen als "Feuerwehrmodels" die Rolltreppen herabglitten. Ihre luftigen Kleidchen standen in aufreizendem Gegensatz zu martialischen Helmen und Gürteln. Die verführerische Faszination des Feuers sollte das wohl darstellen, während die aggressive Musik seine Zerstörungswut beschwor.

Klassische Oratorienklänge hüllten die Marienkirche in dunklen Ernst. Die Kantorei der Marienkirche und das Reutlinger Kammerorchester ließen die Bibel sprechen, mit vertonten Zitaten rund ums Thema Feuer von Moses bis zur Apokalypse. Ein nachdenklicher Ruhepol inmitten des sonst eher revuehaften Spektakels.

Dafür ging's unter den Arkaden des List-Gymnasiums kleinkunstmäßig verspielt weiter. Tonne-Schauspieler (Carola Schwelien, Gunter Bauer, Rüdiger Götze, Natalie Fischer, Aki Tougiannidis) versuchten das Geheimnis der Stadt durch Berechnung, Zeitmessung oder Belauschung von Straßenszenen zu ergründen. Die mathematische Formel für die Stadt Reutlingen, vernimmt man da staunend, lautet: "Zeit im Quadrat minus Geld im Quadrat mal zwei Pi plus ein Bosch".

Finale auf dem Marktplatz: Auf der Bühne lässt die Württembergische Philharmonie pompöse Fanfaren erschallen, während Eric van der Zwaac als Showmaster mit großem Tamtam den "wahren Geist der Stadt" anruft. Dann kommen aber gleich sieben davon. Auch die vormaligen Gruppenführer sind darunter. Es sind der Kleingeist (Anne Julia Koller), der Zeitgeist (Tobias Strobel), der Feuerteufel (Lukas Ullrich), der Schutzengel (Carola Schwelien), der Geist des Volkes (Michael Giese), der Geistesblitz (Rüdiger Götze) und der Geschäftsgeist (Silvia Danek).

Von der Bühne und von Fenstern und Erkern rund um den Marktplatz herunter beanspruchen sie singend und streitend der einzig Wahre zu sein. Das hat durchaus Witz, aber dem Geplänkel fehlt es an Tempo und es zieht sich zu lange hin. Dazwischen lassen die vereinigten Chöre noch einmal einige ihrer Musikstücke aufleben. Am Ende weiß man: Den einen Geist Reutlingens gibt es nicht. Und: Die Stadt-Oper ist eigentlich eine Stadt-Revue.

Als solche wird sie in bester Erinnerung bleiben. Ein tolles Spektakel, nicht perfekt, aber immer kurzweilig und gerade deshalb sympathisch, weil es sich selbst nicht zu ernst nimmt. Und weil Susanne Hinkelbein den vielen Reutlinger Ensembles dafür eine wirkungsstarke und gleichzeitig gut handhabbare Musik geliefert hat.

Am Ende standen fast nachdenkliche Orchestertöne und ein krachendes Feuerwerk. Und ein Showmaster, der seinen Blick versonnen über die Stadt und ihre Menschen schweifen ließ. Ein starkes Stück. Und mit etwas Glück liefert Petrus bei der zweiten Aufführung am Sonntagabend dann auch noch das richtige Wetter dazu. (GEA)





   
 

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