...ond a letschde Zigarett ...
Reminiszenz eines Feuerwehrmanns an Sulla Bratke zum 20. Todestag
Es ist einer der unvergesslichen Einsätze, die sich so in die Erinnerung eingebrannt haben, dass man ihn nie vergisst. Heute, auf den Tag genau vor 20 Jahren war die Reutlinger Berufsfeuerwehr im entstehen; ein noch zartes Pflänzchen, damals Berufsfeuerwache genannt. Seit dem 1. April 1987 war die Feuerwache ständig mit 4 Feuerwehrmännern besetzt. Einer davon war Nachrichtenführer auf der Leitstelle.
Die junge Wachabteilung B begann am morgen des 07. August 1987 um 07.00 Uhr ihren Dienst. An diesem Tag sollte der Dienst 24-Stunden dauern. Nach einem arbeitsreichen Tag in den Werkstätten und einigen kleineren Einsätzen ruhen drei Kollegen, M. hat Dienst in der Feuerwehrleitstelle und ist wach.
In den frühen Morgenstunden des Samstags knackt der Lautsprecher, nach dem Alarmgong die Durchsage:
"Wohnungsbrand im 1. OG eines Reiheneckhauses" - Menschenleben in Gefahr.
Zu dritt machen wir uns mit einem TLF 24/50 auf den Weg, durch die klare Nacht, in die enge Wohnstraße in der Römerschanzsiedlung. Wir wissen, die Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr sind nachalarmiert und werden uns folgen.
Beim Einfahren in den Reiherweg sehen wir bereits, wie Flammen aus einem Fenster im 1. Obergeschoss schlagen. Die Flammengarben reichen fast bis zum Dachtrauf. Einige Personen stehen im Morgenrock auf der Straße, weisen uns ein.
Ab jetzt geht alles sehr schnell. Absitzen, Truppführer H. hat nur wenig Zeit zu Erkundung, gibt den Einsatzbefehl. Ich, Truppmann C., rüste mich mit Pressluftatmer und Schnellangriff aus und gehe zur Brandbekämpfung in das Gebäude vor; zwänge mich die Treppe aufwärts, vor mir eine Flammenhölle in den Räumen links und rechts der Treppe, Flammen züngeln entlang der Decke und mir entgegen.
Ich sehe keinen Rauch, nur rasendes Feuer; Feuer das sich weiter nach oben in das Dachgeschoss ausbreitet, ich reiße mein Mehrzweckstrahlrohr auf und beginne mit ablöschen. "Hier kann niemand mehr leben". Ich halte das Feuer oben auf, H. sucht zu dieser Zeit im Erdgeschoss nach der vermissten Person.
Ich schaffe es, abwechselnd in den beiden Räumen zu löschen. "Immer Glut löschen, nicht in Rauch und Flammen spritzen, Sprühstrahl einsetzen, so hatten wir es gelernt". Von einer Gaskühlung oder dem Einsatz von Wasserstößen wussten wir noch nichts.
Der Wasserdampf schlug mir mit seiner ganzen Kraft entgegen. Die Haut schmerzte furchtbar. Die Dienstkleidung, damals die sog. Frankfurter Uniform aus Schurwolle und Flammschutzhaube, isolierte nur wenig. Die Hitze und der Dampf schlug durch die Kleidung, insbesondere an den Oberschenkeln. Eine Lederjacke erhielt ich erst wenige Tage später.
Nach dem Einsatz bemerkte ich, dass ich mir Verbrennungen an den Oberschenkeln zugezogen hatte, weil ich in Seitenlage auf einem glühenden Holzbrocken lag. Die Hose war aber unbeschädigt.
Von Draußen kam kurzzeitig der Wasserwerfer des Tanklöschfahrzeuges zur Verhinderung der Brandausbreitung auf das Dach zum Einsatz. Wieder erreichte mich eine furchtbare Wolke aus heißem Wasserdampf. Maschinist H. nahm ein weiteres Rohres über Steckleiter in das zur Straße liegende Zimmer vor, damit konnte mich nun auf das hintere Zimmer konzentrieren.
Was meine beiden Kollegen in den letzten 10 Minuten draußen geleistet haben, bekomme ich kaum mit. Nur kurzzeitig hatten wir Blick oder Sprechkontakt. Die Freiwillige Feuerwehr trifft mit der Drehleiter und dem Löschgruppenfahrzeug ein, endlich erhalten wir Verstärkung. Ein Ablösetrupp kommt zu mir hoch, seit unserem Eintreffen sind wohl knapp 15 bis 20 Minuten vergangen. Ich werde abgelöst, meine Atemluft ist fast aufgebraucht.
Unser Einsatz zeigt inzwischen Wirkung. Die Hitze lässt nach. Wenig später finden unsere Ablösekräfte im oberen rechten Zimmer eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche. Der Einsatz ist von nun an noch Routine.
Am Samstagvormittag erfahre ich, dass der Tote Sulla Bratke war.
Ich erinnere mich an Sulla, meinen kundigen Plattenverkäufer aus der Katharinenstraße (heute Marc O'Polo). Er wusste so viel und oft fand er zwischen all den dreckigen Kaffeetassen kaum die Kasse.
Sulla war der "Hammer-Drummer" meiner Jugendzeit in der "Zelle", damals noch im Gebäude Samen - Sprandel (heute Commerzbank) an der Karlstraße, das einige Jahre später ebenfalls abgebrannt ist. Sulla, der Mann mit dem Indianerkopfschmuck und der Federboa.
Das Feuer habe ich nie vergessen, es ist mir heute noch wie damals in Erinnerung. Auch Sulla nicht. Wenn ich heute Heiner Kondschak auf der Bühne sehe, meine ich manchmal Sulla zu sehen.
Zehn Jahre später, 1997 schrieb A. Köberlein
"Dr Sulla leabt no".
Aus der Presse:
Sulla Bratke kam am Morgen des 8. August 1987 in Reutlingen bei einem Wohnungsbrand ums Leben. Bratke, der für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt war, kehrte in jener Nacht wie üblich sehr spät zurück. Alter Gewohnheit entsprechend stellte er sich eine Flasche Bier (die er nie trank) ans Bett, zündete sich eine Zigarette an (die er nie zu rauchen pflegte) und schlief ein. Sulla trommelte nach der Trennung von Schwoißfuaß bis 1986 bei Grachmusikoff. Nach seinem unfreiwilligen Abgang auch dort versuchte er sich als Schauspieler am Theater. Er wurde 32 Jahre alt.
Aus dem "Schwoißuaß"- Album "Rattakarma" 1997
Dr Sulla leabt no (A. Köberlein)
En Reitlenga isch's dr bonte Hond
isch dr Freind von de Nutta ond de jonge Mädla
des Ziddra kommt vom Saufa ond vom Schlagzeigspiela her
ond sein denna Fuaß - do lachd'r - isch bloß a Kenderlähmong
m' Joe Dalton vom Comic, dem sieht'r gleich
mit'ma Stachelbart, käsig, ond mit lange Hoor
Er isch Pfarrer, oder Clown oder Penner
ond daß'r '87 verbrennt, isch eigentlich id wohr
Dr Sulla leabt no...
Als Krippel oder Katholik, do hosch koi Chance
außer du hoisch Bratke ond dei Ziel isch klar
ond du nammsch dei Riesakraft ond verbrodesch' se jede Nacht
bis da Kenig bisch vom "Kohla" ond von dr "Silberbar"
Der gaile Trommler mit seim großa Herz
schmeißt jede Nacht sei Geld ond sei Liebe weg
ond om Viere oder Fenfe gohdr hoim ganz alloi
vor'm Schlofa no a Bier ond a letschde Zigarett ...
Dr Sulla leabt no...
Christian Haas
heute Berufsfeuerwehr Stuttgart
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